Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: "Wo wohl die Wähler wohnen?"

Sonntag, 27. September 2009

Sie stehen auf verlorenem Posten, haben keine Chance, ihren Wahlkreis zu gewinnen. Weil sie einen harten Rivalen haben oder ihre Partei keinen Fuß auf den Boden bekommt. Aber sie kämpfen um jede Stimme. Für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ein Grund, den tapferen Kämpfern am Wahlsonntag eine Schlagzeile zu widmen.

Wo wohl die Wähler wohnen?

von Stefan Locke

Hartmut Kahl ist schon vor der Wahl dort, wo er nach der Wahl eigentlich erst hinwill. In Berlin absolviert der Achtundzwanzigjährige derzeit sein Referendariat in einer Anwaltskanzlei. Im November hat er noch eine mündliche Prüfung, und wenn alles gutgeht, ist er dann Volljurist. Im Grunde genommen ist das eine der üblichen Voraussetzungen, um als Abgeordneter zu reüssieren. „Nein, nein“, beschwichtigt er. „Ich brauche das Mandat nicht, um glücklich zu sein.“ Der Bundestag könne auch noch zehn, zwölf Jahre warten.

Nach Lage der Dinge wird er das auch müssen. Denn nirgends sind die Wahlaussichten für die Grünen trüber als im Erzgebirge, wo die CDU vom Gemeinderat aufwärts politisch alles fest in ihrer Hand hält. Bei der Bundestagswahl 2005 kreuzten gerade mal 3580 Wähler die Ökopartei an, das reichte für 2,6 Prozent – Minusrekord in Deutschland.

Bei den Erststimmen wurden sie sogar noch von den Bibeltreuen Christen überholt. Kahls Bewerbung um das Direktmandat ist dennoch kein Jux. „Mir ist schon bewusst, dass wir ziemlich im Keller sind, aber es kann doch nur besser werden.“ Gerade mal zwei Mandate hat seine Partei im Kreistag, auf nicht mal 50 Mitglieder kommen die Grünen hier in Ostdeutschlands bevölkerungsreichstem Landkreis. Als Kahl seinen Hut in den Ring warf, waren daher alle erleichtert. Auf der Landesliste erreichte er aus dem Stand den – obgleich aussichtslosen – Platz vier mit 75 Prozent der Stimmen und trotz zweier Mitbewerber.

Kahl ist Erzgebirger mit Herz und Seele, in Antonsthal bei Schwarzenberg wuchs er auf. Die Eltern waren im Neuen Forum aktiv, und trotzdem war Hartmut Kahl der erste Grüne in der Familie. Während seines Studiums in Leipzig kam er zur Ökopartei, protestierte gegen den Irak-Krieg und organisierte Ringvorlesungen zur Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie. Nach einem Aufbaustudium in North Carolina und der Promotion zog es ihn zurück in die Heimat. Er kämpft gegen den Neubau der Bundesstraße 93, die Zwickau mit Karlsbad in der Tschechischen Republik verbinden und dabei das größte Waldgebiet Sachsens zerschneiden soll. Sein Papier „Natürlich Tourismus“ fand viel Zuspruch, er stellte es selbstbewusst auf dem Fichtelberg vor, dem höchsten Berg Ostdeutschlands.

Wenn Kahl am Wochenende nach Hause kommt, überlegt er, wo wohl seine Wähler wohnen. „Einen Nachmittag lang vor dem Baumarkt stehen und Flyer verteilen lohnt sich für mich nicht.“ Er setzt auf kleine Veranstaltungen, Wanderungen, Lesungen, Podiumsdiskussionen. Bei der Europa- und Landtagswahl hat sich die Zahl der Grünen-Wähler immerhin schon verdoppelt.