Alltagsrassismus: Ulrike Kahl (GRÜNE) antwortet auf Busfahrer-Leserbrief

Sehr geehrter Herr Fischer,

vielen Dank für Ihre offenen Worte. Gerne möchte ich Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen darauf antworten.

Da ich kein eigenes Auto habe, bin ich für meine täglichen Arbeitswege auf die Busse des RVE angewiesen. Auch zu den Gremiensitzungen des Kreistages fahre ich mit dem Bus nach Annaberg. Die RVE-Busse sind sozusagen meine Dienstfahrzeuge. Als langjährige Stammkundin des RVE schätze ich die Zuverlässigkeit Ihres Angebots und freue mich – in der Tat auch aus ökologischen Gründen – über möglichst viele Fahrgäste, die dieses Angebot nutzen. Daher werbe ich im Kreisrat immer wieder für Konzepte, die den öffentlichen Personennahverkehr für alle einladend und attraktiv machen und deshalb möchte ich allen Fahrerinnen und Fahrern für ihren täglichen Einsatz herzlich danken. Denn Sie garantieren die Mobilität, auf die Viele in unserer ländlichen Region existenziell angewiesen sind. Natürlich weiß ich, dass es Situationen gibt, in denen Sie ein dickes Fell brauchen. Dafür haben Sie meinen ganzen Respekt! 

Meine Anfrage an die Landkreisverwaltung, die der Anlass für Ihren Leserbrief ist, bezog sich ersichtlich auf Einzelfälle, von denen mir Betroffene, Bürgerinnen und Bürger, aber auch die Wohlfahrtsverbände besorgt berichtet hatten. Auch Teilnehmer der Sprachkurse, an denen ich in Schwarzenberg selbst beteiligt bin, berichteten darüber, vom Bus stehen gelassen worden zu sein. Als Kreisrätin ist es meine Aufgabe, solche Sachverhalte aufzugreifen und den Landkreis als Gesellschafter der RVE GmbH darüber zu informieren. Mir ging es ausdrücklich darum, zu sensibilisieren, nicht zu denunzieren. Gerade deshalb enthielt mein Schreiben ganz bewusst keine konkreten Vorfälle mit Nennung einer bestimmten Linie oder Uhrzeit. Es endete vielmehr mit der Anregung, das Thema in einer Dienstbesprechung anzusprechen. 

Dabei ist absolut klar, dass alle, die mitfahren wollen, auch einen gültigen Fahrschein haben müssen. Aber genauso klar ist für mich: Wenn ein Bus an Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft vorbeifährt und nicht anhält, dann ist das nicht in Ordnung. All diejenigen, die dies auch so sehen, brauchen sich insofern auch gar nicht angesprochen fühlen. Die Wenigen, die sich aber angesprochen fühlen sollten, werden es wissen. Und es liegt mir fern, deren Stammlinie in der Zeitung oder in einer Tischvorlage im Technischen Ausschuss lesen zu wollen. Wie gesagt: Es ging mir darum, das Bewusstsein für das Thema zu schärfen, nicht darum, jemanden persönlich oder – wie Sie meinen – einen ganzen Berufsstand an den Pranger zu stellen. Ich hoffe, bei denen, die tatsächlich meine Anfrage und nicht nur die Presse darüber gelesen haben, ist dieser Eindruck auch nicht entstanden; wenn doch, dann wäre dies ein sehr bedauerliches Missverständnis. 

In der vergangenen Woche haben mich unzählige Anrufe, E-Mails und Facebook-Kommentare erreicht. Einige haben mir von persönlichen Erlebnissen mit alltäglichem Rassismus berichtet und gesagt, wie sehr sie das mitnimmt. Die weitaus meisten Äußerungen aber gingen in eine deutlich andere Richtung. Die Aussage „Außerdem können diese Illegalen doch laufen. Die haben alle Zeit der Welt“, war dabei die harmloseste. Augenscheinlich gibt es bei uns wirklich ein Problem mit Alltagsrassismus. Ich kann nicht beziffern, wie groß das Problem ist. Ich hoffe sogar, dass es möglichst klein ist. Aber zu leugnen, dass es dieses Problem gibt, hilft uns nicht weiter. Und wenn wir uns fragen, warum wir im Erzgebirge Probleme haben, Fachkräfte zu finden oder Lehrer-, Arzt- und Pfarrstellen zu besetzen, dann müssen wir uns auch fragen, ob es da einen Zusammenhang gibt.

Unabhängig davon gibt es Fragen, über die ich mich nun in aller Ruhe mit der RVE-Geschäftsleitung austauschen werde. Einen Vorwurf mit einem Gegenvorwurf zu kontern ist menschlich verständlich, souverän ist es wahrscheinlich nicht. Es gibt Probleme, die mögen in einem Zusammenhang stehen. Sie zu vermischen, hilft aber nicht, sie unaufgeregt und professionell zu lösen. Ein Dienstleistungsunternehmen im Massenkundengeschäft braucht ein funktionierendes Beschwerdemanagement. Der Begriff Fehlerkultur gehört in der Privatwirtschaft seit Jahren zum ABC moderner Unternehmensführung und darf auch in einem öffentlichen Unternehmen kein Fremdwort bleiben. 

Zutage getreten ist aber auch, dass wir eine andere Debattenkultur brauchen. Wenn es uns gelingt, einen Stil zu pflegen, der ohne Reizwörter und distanzierende Anführungszeichen auskommt, ist sicher schon viel gewonnen. Lieber Herr Fischer, ich bin dafür, dass wir künftig miteinander, statt übereinander reden. Daher lade ich Sie zu einer persönlichen Aussprache ein, an der gerne auch Kolleginnen und Kollegen von Ihnen teilnehmen sollten. Ich stehe bei Mobilitätsthemen bisher meist im Austausch mit Fahrgästen. Mich interessiert aber auch Ihre Perspektive als Fahrer des RVE. Gerade aus Arbeitnehmersicht gibt es sicher viele spannende Themen, die ich gerne mit Ihnen besprechen würde. Kommen Sie gerne auf mich zu, wenn Sie mögen.

Bis dahin wünsche ich Ihnen viel Kraft und Freude bei Ihrer Arbeit. 

Mit freundlichen Grüßen, 

Ulrike Kahl