Gedicht über den "Schneeberger Lichtellauf"

Kinder, holt Laternen raus,
die Russen schleichen uns um's Haus.
Die Nächte werden richtig duster
und Nazis wirken gleich verschmuster.
An ihnen lässt sich's jetzt gut lehnen,
sie lesen Wissen aus den Genen:
"Die vom Osten bringen Körbe
und klau'n uns Klopapier und Möhren!

Die Bäuche schlagen sie sich voll,
weil sie zu Haus' nicht naschen soll'n.
Wen schert es, dass sie Hilfe brauchen,
wer hilft denn uns beim Südseetauchen?"

So stimmen alle gleich mit ein.
Es könnte ja die Wahrheit sein.
Früher war's hier auch so friedlich:
Alle Menschen lieb und niedlich.
Ein bisschen arm sind alle dran.
Was man sich hier nicht leisten kann!

"Wie lange war'n wir nicht im Urlaub?"
"Und mein Moped? - Ganz verstaubt."
"Ich kann meinen Frisör nicht zahlen!"
"Zur Klassenfahrt gibt's Hilfspauschale!"
Die Lichter klagen schon zuhauf,
sie reihen sich zum "Lichtellauf".

Ein Lindwurm, schaut, wie farbenfroh!
Die ganze Stadt brennt lichterloh.
Sonst leuchten Kerzen für die Liebe.
Heut brennen Fackeln wie ein Fieber,
das "Krankheit" schnell vertreiben soll,
bevor St. Martin Mitleid zollt.

Der Bürgermeister sucht zu lindern,
der Pfarrer mahnt: "Das sind doch Kinder!"
Die Christen kommen zum Gebet.
doch die Erkenntnis folgt zu spät:
Wie sehr der Mensch doch fürchten kann,
was er noch nie zu seh'n bekam.

Lore Reim, Oktober 2013