Leserbrief: Jubiläum auf Schienen

In diesem Jahr begehen zwei traditionsreiche „Obererzgebirgische Eisenbahnen“ - die Streckenverbindung von Zwickau nach Schwarzenberg und die Bahnlinie von Schwarzenberg nach Johanngeorgenstadt - das 150- bzw. 125jähriges Jubiläum ihres Bestehens. Die Pläne dazu reiften bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der mit der Industrialisierung einhergehende wirtschaftliche Aufschwung in der Region brachte den Menschen damals Dank der neuen Bahnlinien wieder Lohn und Brot. Im Jahre 1899, nach endlich erfolgter Zustimmung Österreichs, konnte auch die Linie von Johanngeorgenstadt nach Karlsbad eröffnet werden.

Als im Jahre 1946 die SDAG Wismut mit dem Abbau von Uranerz begann, boomte auf den Strecken des Erzbergbaus der Eisenbahnverkehr in den Folgejahren wie nie zuvor. Auch später, während der 60er und 70er Jahre pegelte sich der Güterbahnverkehr durch die Metall- und Papierindustrie in der Region auf hohem Niveau ein. Mit dem Ende der DDR, welches den Zusammenbruch der Industrie zur Folge hatte, brach auch der Transport der Bahngüter zusammen. Zu einem der letzten Relikte des Güterverkehrs zählte der im Jahre 2001 abgerissene Güterbahnhof in Schwarzenberg.

Heute, 18 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands, werden Waren und Güter in nie gekannten Größenordnungen durch unsere Region befördert – jedoch fast ausschließlich auf dem Straßenweg. Die Wirtschaft und ihre politischen Lobbyisten fordern daher seit einigen Jahren den Bau einer grenzübergreifenden Großtrasse der B93 n von Zwickau über Schneeberg, Johanngeorgenstadt nach Karlovy Vary. Trotz massiver Proteste von Umweltverbänden und Bevölkerung forciert man die Verkehrsplanungen für dieses umweltzerstörende Projekt – seit diesem Jahr auch in offiziellen Gesprächen mit den tschechischen Behörden.

Der Straßenverkehr in Deutschland unter Einbeziehung aller Abgaben und Steuern aber wird, so rechnet Ökonomieprofessor Dr. Georg Hirte von der TU Dresden vor, jährlich mit zweistelligen Milliardenbeträgen von der Gesellschaft subventioniert, allein für den LKW-Verkehr zahlt der Staat jährlich 13 Milliarden Euro an Subventionen.

Während das Straßennetz Jahr für Jahr von der öffentlichen Hand weiter ausgebaut wird, schrumpft das Bundesschienennetz kontinuierlich. Die jüngsten Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes lassen jedoch aufhorchen. Der Güterverkehr per Bahn in Deutschland boomt wie schon lange nicht mehr, er legte binnen des letzten Jahres um 5,4 % zu, soviel wie zuletzt im Jahre 1991. Der Schienenverkehr wächst Dank Mautgebühren prozentual stärker als der LKW-Verkehr. Warum ignorieren die politischen Entscheidungsträger hier im oberen Erzgebirge diesen Trend? Ist das Schienennetz, welches die „Erzgebirgsbahn“ seit 2002 für den Personenverkehr benutzt, nur etwas für Nostalgiker, Freizeitreisende und Berufspendler? Eine Trendwende in der Verkehrspolitik ist daher dringend geboten. Die „Obererzgebirgische Eisenbahn“ als ökologisches Verkehrsmittel ersten Ranges hält auch im Jubliläumsjahr genügend Kapazität für den Güterverkehr, den grenzüberschreitenden inbegriffen, bereit. Diese Erkenntnis sollten sich die Entscheidungsgremien im Angesicht von Klimawandel, Naturzerstörung und CO2-Emmissionen bewusst machen.

 

von Ulrike Kahl