Weihnachtsbrief aus dem GRÜNEN Bürgerbüro 2015

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

unser Land hatte viel zu bewältigen. Knapp eine Million Menschen flohen in den zurückliegenden Monaten vor Krieg, Armut und Terror, sie suchen bei uns Schutz und Zuflucht und tragen die große Hoffnung und Sehnsucht auf ein besseres Leben in sich.

Die Dynamik und Größe der Fluchtbewegung hat uns überrascht und vor allem Politiker und Kommunen, Beschäftigte in Behörden und Sozialarbeiter vor eine nie gekannte Aufgabenfülle gestellt.

Nein, auch GRÜNE kann es nicht froh stimmen, wenn Millionen von Menschen zu Flüchtlingen werden und wegen Gewalt, Unrecht und Zerstörung ihre angestammte Heimat verlassen müssen.

Ein tiefer Riss geht durch die Bevölkerung, der den sozialen Frieden in der Gesellschaft zu gefährden scheint.

Zehntausende Bürger - vor allem in Sachsen - haben sich von populistischen und teils rechtsextremistischen Strömungen ergreifen lassen und tragen ihre diffuse und geschürte Angst auf die Straße. Worin ist jene begründet?

Haben wir doch zu viel von allem, was wir eigentlich zum Leben brauchen. Wir alle können unsere elementaren Bedürfnisse mehr als befriedigen, Nahrung ist in Hülle und Fülle vorhanden, Kleidung und anderer Besitz wird gestapelt. In diesem unvorstellbaren Überfluss, der die Welt an den Rand des ökologisch Vertretbaren gebracht hat, haben wir uns bequem eingerichtet und sind dennoch einer großen Freud- und Mutlosigkeit, Undankbarkeit und Gleichgültigkeit verfallen. Die Zivilisation im sogenannten "Christlichen Abendland" jagt unablässig materiellen Gütern und Werten nach, weil sie die anderen nicht mehr kennt. Haben wir vergessen, dass ein jeder Mensch - gleich welcher Herkunft - ein Recht auf Sicherheit, auf die Unversehrtheit seines Lebens, auf Freiheit und Würde hat?

Mit großer Sorge und Erschütterung registrieren wir eine zunehmende Verrohung und Enthemmung von Teilen unserer Gesellschaft, die auch im Erzgebirge immer wieder zu Tage tritt. Da wird gehasst und gehetzt, werden Flüchtlingsbusse attackiert und Asylsuchende tätlich angegriffen, Fensterscheiben an Unterkünften eingeschlagen oder gar Feuer gelegt. Das Motto: "Bitte flüchten Sie weiter. Es gibt hier nichts zu wohnen!", scheint zum Motto vor dem diesjährigen Weihnachtsfest geworden zu sein.

Doch das wäre nur eine sehr unvollständige Seite der Zustandsbetrachtung. Es gibt - Gott sei Dank - auch noch all die Anderen, sie treten nur nicht so laut und populistisch auf, sie wirken segensreich eher im Stillen und Verborgenen. Die Medien berichten über jene nur spärlich. Sie lassen sich vom Elend der Geflüchteten berühren und bringen die nötige Aufgeschlossenheit, Herzenswärme und Neugier mit, um sich den Herausforderungen zu stellen. Dabei wagen sie Neues und lassen sich überraschen.

So unterstützen unzählige Freiwillige aus einem inneren Bedürfnis heraus die Neuankömmlinge mit ganzer Kraft. Sie geben Sprachunterricht, helfen bei der Bewältigung verschiedenster Probleme und teilen Besitz und Zeit mit den Fremden.

All jenen sei an dieser Stelle in ganz besonderer Weise für ihre aufopferungsvolle Arbeit gedankt! Wir wünschen ihnen die nötige Kraft, Zeit und Geduld, um die mit Sicherheit auch im kommenden Jahr notwendige Arbeit in der Flüchtlingsarbeit fortzuführen.

Lasst uns daher - auch um dem Sinn von Weihnachten gerecht zu werden - den Blick weiten und Herzen aufbrechen, um aus der gesellschaftlichen Wüste eine Oase der Menschlichkeit schaffen.

Zeigen wir Zivilcourage, damit Sachsen, damit das Erzgebirge nicht im braunen Sumpf versinkt.

Frohe Weihnacht und ein gelingendes, friedvolles neues Jahr!

Ulrike Kahl

im Namen der beiden Landtagsabgeordneten Petra Zais & Volkmar Zschocke