Weihnachtsbrief 2020 aus dem GRÜNEN Bürgerbüro

Weihnachten anders

vielleicht ein bisschen weniger
vielleicht ein bisschen langsamer
vielleicht ein bisschen stiller
vielleicht ein bisschen mehr warten
vielleicht dann ein bisschen mehr
W e i h n a c h t e n
                   Anke Maggauer-Kirsche

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

beginnen wir diesen Weihnachtsbrief mit einem Exkurs in die Geschichte:
Die kleine Stadt Rheinfelden in der Schweiz wurde im Mittelalter mehrfach von der Pest heimgesucht. Für die damaligen Bewohner schien klar zu sein, dass die verheerende Krankheit durch Wasser übertragen würde. Daher schützten sie insbesondere ihre Brunnen mit sehr akkuraten Vorschriften. Das Ausmaß der Pest im Jahre 1541 bewog zwölf Männer des Ortes, eine Bruderschaft zu gründen, die das Gemeinwohl in den Vordergrund rückte, Kranke pflegte und die Pesttoten zu Grabe trug. Dies alles waren höchst riskante Unternehmungen, denn eine Ansteckung war fast unvermeidlich. Sie benannten ihre Vereinigung nach dem heiligen Sebastian, dem Beschützer vor der Pest, als „Sebastiani-Bruderschaft“.
Neben ihrem wohltätigen Wirken gegenüber den Pestkranken führte die Sebastiani-Bruderschaft im Seuchenjahr das sogenannte „Brunnensingen“ als Weihnachts- und Neujahrsbrauch ein, welches noch heute ausgeübt wird. Am 24. Dezember, nachts um elf Uhr, gibt die Glocke der St. Martinskirche von Rheinfelden das Zeichen für das Brunnensingen dieser Bruderschaft. Auf den Glockenschlag genau erlöschen die Lichter des Städtchens und zwölf dunkel gekleidete Männer schreiten von Brunnen zu Brunnen und singen dabei bis heute das jahrhundertealte Weihnachtslied. Ein Zeremoniell, das sich in der Silvesternacht wiederholt. Nach fast 500 Jahren gehört diese in Epidemiezeiten geborene Tradition nunmehr zum immateriellen Kulturerbe der Schweiz.
Mit Bräuchen – gerade zur Advents- und Weihnachtszeit – kennen wir uns auch im Erzgebirge gut aus und haben sie über die Zeiten bewahrt. Unsere Rituale sind oft so stark, dass wir meinen, es geht nicht ohne sie. Gerade weil sich alles um uns herum in Atem beraubenden Tempo verändert, möge doch bitte  diese Zeit zum Ende des Jahres so bleiben, wie wir sie immer kannten und schätzten.
Doch in diesem Jahr wird Weihnachten anders sein. Unsere lieb gewordenen Traditionen sind virusbedingt zu gefahrvoll und riskant, auf bestimmte Sitten und eine lieb gewordene Geselligkeit werden wir verzichten müssen.
Das mag man kritisch bewerten und bemängeln, aber man kann auch eine Chance darin sehen. Wie oft  haben wir in der Vergangenheit beanstandet, dass wir diese Zeit nur noch in Hast verbringen, und dass der Kommerz die Vorfreude auf das Fest trübt. Jetzt wird uns die Gelegenheit gegeben, zur Routine erstarrte Rituale zu hinterfragen und die Weihnachtszeit neu zu entdecken. Möglich, dass wir durch rücksichtsvollen Verzicht dem Anliegen des Festes sogar näher kommen.
Niemand hat diese Krise gewollt, aber wir alle müssen mit ihr umgehen. Sie kam völlig unpolitisch, entwickelte aber - wie wir in den letzten Monaten erleben konnten - jede Menge politischen Zündstoff. Vermutlich gerade weil sie uns zur Entschleunigung zwingt und an unserem Wachstums- und Konsum-modell kratzt. Der Umgang mit dieser Pandemie ist auch zum Testlauf für die globale Klimawende geworden. Wir werden sehen, wie weit die Bereitschaft wächst, zugunsten eines bedrohten Gemeinwesens auf individuelle Freiheiten zu verzichten.

Doch zurück zur Erzgebirgsweihnacht.
Schon Martin Luther empfahl 1527, als die Pest in Wittenberg wütete, dass er „das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen will“. Dass er Orte meiden will, „wo man mich nicht braucht, damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werde.“ Beherzigen wir also diese Worte des Reformtors.

Für uns Erzgebirger bedeutet das u. a.,  nicht darauf zu verzichten, die „Raachermannle naabeln“ zu lassen. Deshalb lasst uns mit aromatischem Weihrauchduft aus Neudorf, Crottendorf oder Bockau unsere Stuben ausräuchern und beherzt den Kampf gegen das Coronavirus aufnehmen!

Übrigens unterbrach die anfangs erwähnte Schweizer Sebastiani-Bruderschaft bisher ein einziges Mal ihren Brauch zum Brunnensingen. Das war im Dezember des Jahres 1918, als ein Versammlungsverbot wegen der grassierenden spanischen Grippe, die in dem Alpenland ca. 75 000 Menschen das Leben kostete, das Ritual unmöglich machte.
Wie die Stadt Rheinfelden dieser Tage bekannt gab, wird es bedauerlicherweise auch in diesem Jahr kein Weihnachtssingen der Sebastiani-Brüder geben, „damit weitere Krankheits- und Sterbefälle vermieden werden“.

www.srf.ch/play/radio/musikwelle-magazin/audio/brunnensingen-der-sebastiani-bruderschaft
 
Frohe und besinnliche Weihnachtszeit!